Recorded & Publishing

Interview mit Markus Bruns und Boris Rogosch, eastwest: „Heute sind weniger Eitelkeiten im Spiel“

Seit November 2001 stehen Markus Bruns und Boris Rogosch an der Spitze des Warner-Music-Labels eastwest. Im Gespräch mit musikwoche.de beschreiben der General Manager und der Senior Marketing Director, was sich seither in der Firma getan hat und wohin der Weg künftig gehen soll.

musikwoche.de: Was hat sich an der Arbeit bei eastwest verändert?

Boris Rogosch: Der elementarste Punkt war die Integration der A&R-Abteilung, die von WEA records zu eastwest verpflanzt wurde. In dieser Form, mit einem A&R-Chef wie Stephan Mattner, existierte so etwas bei eastwest seit langem nicht mehr. Wir sind strukturell auch nicht exakt mit WEA vergleichbar, schon aufgrund der Tatsache, dass es bei uns eine Doppelspitze gibt. Das setzt sich auch in den einzelnen Bereichen fort: Bei uns haben die Verantwortlichen im Marketing auch eine beratende Funktion für die A&Rs.

mw: Welche Vorteile bietet diese Struktur?

Markus Bruns: Heutzutage gibt es kaum noch Generalisten. Als ich zu eastwest kam, war ich begeistert, wie gut das internationale Marketing funktionierte. Ein klares Verdienst von Boris. Daran gab es also nichts zu ändern. Der Verbesserungsbedarf bestand beim „A&R-Leben“ des Hauses. Da komme ich her, das habe ich elf Jahre lang gemacht, und ich lebe seither eine enge Beziehung zu Künstlern und Musikschaffenden. So hat jeder von uns sein Spezialfeld. Und wir tauschen uns regelmäßig aus.

Rogosch: Sogar sehr oft. Würden wir uns immer nur am Ende einer Woche gegenseitig über das Erreichte berichten, wäre eine Doppelspitze unsinnig. Diese Arbeitsteilung bedeutet auch, dass man sein Ego ein wenig zurücknehmen muss. Es geht nämlich immer um die Sache.

mw: Sie sind seit Jahren bei Warner. Was hielt Sie so lange?

Rogosch: Die Leute. Und die Veränderungen, an denen ich mitwirken konnte. Zudem habe ich von unseren derzeit 34 Mitarbeitern etwa 70 Prozent selbst eingestellt. Das sind Menschen, die mir sehr wichtig sind und die ich seit Jahren begleiten darf.

Bruns: Und einige Mitarbeiter, mit denen ich erfolgreich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, durften dank der Titanen-Entscheidung von Bernd Dopp mit mir von WEA zu eastwest wechseln. Das war keine selbstverständliche Entwicklung. Da trafen schließlich zwei verschiedene Kulturen aufeinander.

mw: Waren die Unterschiede tatsächlich so groß?

Bruns: In der Verwertung internationaler Acts waren eastwest und WEA schon immer auf Augenhöhe und eine der ersten Adressen in Deutschland. Das ging bei eastwest zuweilen zu Lasten des lokalen Künstlerstammes. Nur: Innerhalb von sechs Monaten erfindet man da das Rad nicht neu. Den Faktor Zeit darf man nicht vernachlässigen.

mw: Welches Marktverhältnis zwischen lokalem und internationalem Produkt streben Sie an?

Bruns: Da gibt es eine von uns selbst geschaffene Direktive: Umsatzanteil Domestic 40 Prozent. Das ist in diesen Zeiten ein hoch gestecktes Ziel.

Rogosch: Wobei wir nicht davon ausgehen, dass der Umsatz mit internationalem Repertoire zurückgehen wird. Bruns: Diese Aufgabe war für uns schnell klar: Das hohe Umsatzniveau beim internationalen Repertoire halten und ausbauen und mit der neuen Kultur an der Steigerung bei Domestic arbeiten. Zu unserer internationalen Performance kommt jetzt eine neue A&R- und künstlerorientierte Kultur hinzu, mit dem Ziel, eastwest zu einem Domestic-Powerhouse zu machen.

Rogosch: Neben dem langfristigen Künstleraufbau wollen wir aber das kurzfristige Singles-Geschäft und marketing-gesteuerte Themen nicht aus dem Fokus verlieren. Darauf dürfen wir zwar nicht ausschließlich bauen, aber die Kunst besteht darin, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen.

mw: Welchen Umsatzanteil hat eastwest bei Warner Music?

Rogosch: Das variiert von Jahr zu Jahr. So wie es derzeit aussieht, werden wir im laufenden Jahr innerhalb der Gruppe bei einem Anteil von 30 Prozent liegen.

Bruns: Wir können auch mit Stolz sagen, dass wir im ersten Quartal entgegen dem allgemeinen Markttrend unsere Planung übererfüllt und beim Marktanteil zugelegt haben.

mw: Was sind die wichtigsten Aufgaben der nächsten Monate?

Bruns: Langfristiger Aufbau von Künstlern war bei Warner immer oberstes Gebot. Im Albumbereich haben wir auch unsere Früchte geerntet. Künstler wie Deichkind oder Seeed waren bis zu zwei Jahre bei uns gesignt, bevor sie ihre erste Platte veröffentlichten. Ähnlich verhält es sich mit der Sängerin Özlem, an deren erstem Album wir schon seit eineinhalb Jahren arbeiten und das hoffentlich bis Herbst fertig wird. Aber wir müssen uns auch selbstkritisch eingestehen, dass wir zu Gunsten des Albummarkts das Feld der Single-Schnelldreher vernachlässigt haben. Unser Ziel ist deshalb, in beiden Bereichen als kompetenter Partner für Künstler, Produzenten und Medienpartner aufzutreten.

mw: Gibt es zwischen eastwest, WEA und WSM noch einen Wettbewerb im eigenen Haus?

Bruns: Früher war da schon ernsthafte Konkurrenz. Aber seit der Umstrukturierung durch Bernd Dopp gibt es ein viel stärkeres Miteinander. Die Labelheads sitzen wöchentlich mit Bernd zusammen und helfen und beraten sich gegenseitig. Dabei finden wir jede Woche aufs Neue heraus, wie wir uns gemeinsam den Härten des Markts stellen können. Mit Thomas Schenk und Alexander Maurus pflegen wir zudem eine sehr effiziente Zusammenarbeit. Wettbewerb findet bei uns demnach mit den anderen Marktteilnehmern statt. Wir ziehen an einem Strang und der Erfolg gibt uns recht.

Rogosch: Noch vor fünf Jahren war das ganz anders. Da gab es eine knallharte Konkurrenz. Heute sind da wesentlich weniger Eitelkeiten als früher erkennbar. Jetzt gibt es dafür Abteilungen, die übergreifend uns allen zuarbeiten. Zum Beispiel die von Susanne Grashoff, die die TV-Kooperationen leitet.

Bruns: Auch Exploitation wird von einer zentralen Stelle gemacht, die Pamela Harz führt. Bei Grafik/Creative Services ist es ähnlich. Für alle ist es eben öfter ein Blick über den Tellerrand.

mw: Der Tonträgermarkt steckt in der Talsohle. Was wäre Ihrer Meinung nach ein Ausweg?

Rogosch: Der traditionelle Tonträgermarkt, ganz genau. Darum werden wir im nächsten Schritt viel mehr Veröffentlichungen im Bereich DVD-Video und -Audio erleben, die den Bild-Tonträgermarkt neu beleben. Aber das Wichtigste wird wie immer sein: die richtigen Künstler zur richtigen Zeit zu haben.

Bruns: Viele Firmen haben Kunden in der Vergangenheit auch mit zu vielen Veröffentlichungen überfordert, die keinerlei künstlerische Substanz hatten. Wir überlegen uns seit Jahren, welche Themen wir machen.

Rogosch: Sehr richtig. Noch vor zwei Jahren hatten wir bei eastwest doppelt so viele VÖs wie heute. Die Branche hat zu lange die altbekannten Marketing- und Promotionwege beschritten. Davon wollen wir weg.

mw: Wie relevant ist der Firmensitz Hamburg für eastwest?

Rogosch: Die Hansestadt bleibt definitiv für uns die Musikstadt Nummer eins. Ich erwarte hier sogar eher einen Wettbewerbsvorteil, wenn die anderen Firmen von Hamburg weggehen.

Bruns: Außerdem haben wir eine ständige A&R-Präsenz in Berlin, und mit dem zweifachen Echo-Preisträger Seeed haben wir den derzeit heißesten Berliner Act unter Vertrag.