Recorded & Publishing

How to do Gewerkschaft. Eine Anleitung in vier Schritten.

Neulich habe ich im „Freitag“ über den Kulturetat geschrieben und darüber, dass Musiker*innen eine Gewerkschaft brauchen. Die Kommentarspalte antwortete prompt: Gibt es doch! Unisono! Die GDBA! Ver.di, Jazzunion, PRO MUSIK, FREO, RockCity, die LAGs! Tretet einfach ein! Dieser Rat ist richtig und widerlegt den Aufruf nicht. Er bestätigt ihn. Ein Gastbeitrag von Johann Scheerer.

Aus dem Umfeld eines Musikpreises erreichte mich außerdem der Vorwurf, ich würde die Arbeit der vielen, meist ehrenamtlich Engagierten schwächen. Die Forderung nach einer großen Gewerkschaft sei „theoretisch und vage. Wie passiert’s denn nun? Wer macht’s?

Das ist natürlich eine berechtigte Frage, der ich gern nachgehen will. Denn niemand prangert die Engagierten an, im Gegenteil. Aber dazu gleich mehr. Also: „Wer macht’s?“

Ich habe für diesen Text versucht, alle Vertretungen zu recherchieren, und bitte nehmt es mir nicht übel, wenn ich jemanden vergessen habe. Es ist Teil des Problems, dass es so unübersichtlich ist. Tatsächlich komme ich auf über zwanzig Organisationen, und auf keine einzige, die für freie Musiker*innen einen Tarifvertrag verhandeln oder glaubwürdig mit Arbeitsniederlegung – ja, einem Streik – drohen könnte. Und bevor sich jetzt jemand aufregt: Es handelt sich hier nicht um ein Versagen der Menschen, die dort arbeiten, sondern um die Folge einer zersplitterten Architektur, die kleinteilig, föderal und projektfinanziert immer knapp unterhalb der Schwelle operiert, bei der es in Verhandlungen unbequem werden könnte. Und das wiederum ist sehr bequem für einen Kulturstaatsminister, der sich mit Splittergruppen treffen kann, Teilhabe andeutet und dann das Finanzierungsfundament abgräbt, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, da die Splittergruppen allein keinen glaubwürdigen Hebel haben.

Es gibt drei echte Gewerkschaften im Musik- und Bühnenbereich: 

Unisono mit 12.800 Mitgliedern, die GDBA mit 7000 Mitgliedern und die ver.di-Fachgruppe Musik, die 4500 Mitglieder hat. Alle sind beitragsfinanziert und tariffähig, aber im Kern für Festangestellte zuständig. Im Orchester liegt der Organisationsgrad damit bei über 90 Prozent. Und deshalb gibt es dort Tarifverträge.

Daneben gibt es die Berufsverbände: den Tonkünstlerverband mit 9000 Mitgliedern, die Jazzunion mit 1700 Mitgliedern und PRO MUSIK mit (ich bin vor wenigen Tagen eingetreten und bin Mitglied Nr.) 937. Alle sehr engagiert, aber eben alle am Leben gehalten durch den Fördertropf. Und wer vom BKM finanziert wird, kann schlecht glaubwürdig gegen das BKM auf die Straße gehen.

Über 100.000 Menschen machen hierzulande professionell Musik. Organisiert in ernstzunehmenden Strukturen sind allerdings unter zehn Prozent. Das Ergebnis kennt jede*r, der/die davon leben muss. Wer in Deutschland an einem Fließband arbeitet, hat einen Tarifvertrag. Die Gitarristin, die jedes Wochenende auf einer anderen Bühne steht, hat Glück oder Pech. Der Musikrat empfiehlt seit März 2026 einen Tagessatz für Musiker*innen von 350 Euro bei vom Bund geförderten Projekten und rechnet im selben Papier vor, dass auskömmlich eigentlich 622 Euro wären. 272 Euro Differenz ist die Miete, die man zahlen kann, oder nicht.

Also. Wer macht’s? Und wie?

  1. Nichts Neues gründen – alle verbinden. 

Was fehlt, ist ein Wurzelwerk, das die Mitglieder der bestehenden Verbände verbindet. Selbst wenn jede*r Dritte doppelt organisiert wäre, blieben vom ersten Tag an über 25.000 Menschen. Es ist also nicht meine Absicht, die Ehrenamtlichen anzugreifen, sondern sie aufzuwerten, denn aus zwanzig leisen Stimmen wird eine laute.

  1. Echte Unabhängigkeit bedeutet kein Staatsgeld. 

Tariffähigkeit setzt Unabhängigkeit voraus. Also muss das Geld von uns kommen. 

Am Anfang ein Gründungsfonds, gefüllt von „den Großen“. Eine Million Euro, über drei Jahre hinweg abnehmend. Das erste Jahr voll, dann halb, dann ein Viertel. Eine Million mag erstmal viel klingen, es ist aber recht einfach: Zwanzig Acts à 50.000 Euro – für Künstler*innen, die Arenen füllen, ist das eine Geste. Oder schöner: ein Ticket-Soli. Zwanzig Cent pro Ticket, freiwillig von den teilnehmenden Tourneen draufgelegt. Zehn solidarische Acts, und die Million steht, und jedes Konzertticket wird zum Gründungsdokument, dass sich die Fans ausdrucken und endlich wieder an die Korkwand pinnen können. Die Szene fragt seit zwanzig Jahren, wo die Großen bleiben, die von dieser Industrie profitieren. Hier wäre die Gelegenheit, die Frage zu beantworten. (Allein Die Ärzte könnten 2027 auf ihrer Tour „Eine Gänsehaut nach der anderen“ mit dieser Rechnung 100.000 Euro beitragen.)

Der Gründungsfonds, finanziert aus nur zehn Touren der größten deutschen Acts, finanziert vier bis fünf Festangestellte sowie eine Kampagne. Und vor allem kauft er Zeit für den Übergang zu dem, wovon jede echte Gewerkschaft lebt: Mitgliedsbeiträge. 

Und hier muss ich ehrlich sein, denn es gibt einen Präzedenzfall, der mahnt: PRO MUSIK hat genau dieses Versprechen gegeben: Anschubfinanzierung, dann beitragsgetragen, und steht nach vier Jahren bei gut 900 Mitgliedern. Einzelne Mitglieder einzusammeln, dauert Jahrzehnte. Die Zeit haben wir nicht. Der einzige Weg, es in drei Jahren zu schaffen, führt über die bestehenden Verbände. 

Idee: ein Kreuz auf jeder Beitragsrechnung, 20 Euro Gewerkschaftszuschlag, zusätzlich zum Verbandsbeitrag. Kein Cent fließt durch einen geförderten Haushalt und allein unisono und ver.di erreichen mit einer einzigen Beitragsrechnung 17.000 Menschen. Bei 25.000 Kreuzen steht die halbe Million jedes Jahr aufs Neue. 

Dass so ein Modell dauerhaft trägt, beweist die britische Musicians‘ Union (MU) seit über hundert Jahren: rund 30.000 Mitglieder, voll beitragsfinanziert. Langfristig gilt dann die alte Gewerkschaftsregel: ein Prozent vom Einkommen, mit niedrigem Sockel für die, die wenig haben. 

Und wenn wir schon bauen, können wir die Struktur gleich größer denken: 

Die Gewerkschaft als Verein, daneben aber als zweite Säule, eine Genossenschaft für das, was uns wirklich fehlt: die eigene Infrastruktur. 

Ein Vertrieb als eG, der niemandem gehört außer seinen Mitgliedern. Ein Kopf, eine Stimme, egal wie viele Anteile. Das Schöne an einer Genossenschaft ist ja, dass man sie nicht kaufen kann. Kein Hedgefonds und kein Major. Wir haben in den letzten Jahren alle zusehen müssen, wie Vertriebe verkauft, verschmolzen und weiterverkauft wurden, zuletzt an Fonds, deren Namen sich niemand merken muss, weil sie in drei Jahren wieder anders heißen. Jedes Mal wandern die Verträge mit, nur die Künstler*innen fragt keiner. Davor müssen wir uns schützen. Und zwar jetzt!

Und wer einmal angefangen hat, genossenschaftlich zu denken, hört so schnell nicht wieder auf, denn neben dem Vertrieb liegt die wirkliche Goldader des Systems in unseren Urheberrechten. Ein genossenschaftlich organisierter Verlag, der die Werke seiner Mitglieder verwaltet, würde den Kreislauf schließen. 

Heute funktioniert das Geschäft so: Kataloge werden gekauft, gebündelt, an Fonds weitergereicht, und die Erlöse aus Musik fließen ab zu Anlegern, die mit Musik nichts zu tun haben. Ich kenne diese Typen, habe viele von ihnen getroffen. Sie können sehr gut erklären, wie sehr sie Musik lieben, aber in Wahrheit lassen sie sie ausbluten. Die Werte, die Musiker*innen geschaffen haben, verlassen das System und kehren nie zurück. Eine Verlags-eG dreht die Richtung um: Was die Werke erwirtschaften, fließt an die, die sie geschrieben haben. Und der Verlagsanteil, zurück in die Struktur: in Vorschüsse für die Nächsten, in die Infrastruktur, in den Streikfonds. Eine Kreislaufwirtschaft der Musik statt einer Pipeline, die nur nach draußen pumpt. 

  1. Konkret werden. 

Gewerkschaften wachsen durch gewonnene Konflikte, und die liegen (leider) auf der Straße. Man könnte bei der Honoraruntergrenze anfangen, denn heute läuft es so: Wer ein zu niedriges Honorar ablehnt, wird durch die nächste Band ersetzt, die es nicht tut. Einzeln ist man da machtlos. Kollektiv ist es ein gewinnbarer Konflikt. Auch die anderen Felder, in denen eine Gewerkschaft dringend aktiv werden muss, sind keine Unbekannten:

Streaming: Die Abrechnung, auf der nach einer Million Plays ein Betrag steht, von dem man nicht mal die Bahnfahrt zur Show bezahlen kann, ist kein Naturgesetz. Dieses Abrechnungsmodell wurde verhandelt, ohne, dass jemand von uns mit am Tisch saß. 

Ticketzweitmarkt. Jahrelang wurden 14-Euro-Tickets für 250 Euro weiterverkauft, ohne dass davon ein Cent bei denen ankam, die auf der Bühne stehen. Dann initiierte PRO MUSIK im Mai einen offenen Brief. Sechs Wochen später kündigte die Justizministerin einen Gesetzentwurf an. Aber: Es ist eine Ankündigung, kein Gesetz, und das Versprechen stand wortgleich bereits im Koalitionsvertrag. Ein Brief ist nur eine Bitte. Ein Brief von 25.000 Organisierten kann viel mehr als das sein.

Und natürlich KI. Eine Gewerkschaft könnte aus dem Ärger in den Kommentarspalten eine Verhandlungsposition machen. Es gibt also genug zu tun und wir können es uns nicht leisten, zu warten oder halbherzig zu bitten.

Eine Frage muss man sich allerdings noch stellen, nämlich inwieweit der Hebel einer Gewerkschaft real ist oder nur eine leere Drohung.

Wie also streiken Freie überhaupt, ohne Betrieb, der stillstehen kann? Auch das ist längst erfunden, ich musste es nur nachlesen: 

1942 verbot die amerikanische Musikergewerkschaft ihren Mitgliedern über zwei Jahre lang sämtliche Studioaufnahmen. Am Ende zahlten die Labels in einen Fonds ein, aus dem jahrzehntelang Konzerte finanziert wurden. Freie können meine Fabrik lahmlegen aber sie können den Nachschub stoppen. Ein koordinierter Release-Streik träfe die Playlisten, die von Neuheuten leben ins Mark. Dazu der Gagenstreik: Niemand spielt beim geförderten Festival unter der Untergrenze. Und, ganz neu, der kollektive Widerspruch gegen KI-Training mit den eigenen Aufnahmen, denn dass KI-Klauseln streikfähig sind, haben die Schauspieler*Innen von SAG-AFTRA 2023 in Hollywood bewiesen. Sie haben gewonnen. 

Die Schwachstelle bleibt die Ersetzbarkeit: Sagen zehn Bands ab, spielen zehn andere. Deshalb braucht der Streik der Freien die großen Künstlerinnen und Künstler, die Stadionbands als Rückgrat, Acts, die kein Festival ersetzen kann. Das ist die eigentliche Antwort auf die Frage, wo die großen Künstler*innen bleiben. Nicht nur als Geldgeber, sondern auch als die ersten, die streiken.

  1. Eintreten. Jetzt. Irgendwo. 

Das Wurzelwerk von morgen braucht die Verbände von heute. Jede Mitgliedschaft erhöht die Masse, die sich verbinden lässt. Ich habe angefangen. Mitglied Nr. 937 bei PRO MUSIK.

Bleibt die Frage aus der Kommentarspalte: Wer macht’s? Ich fürchte, die Antwort wird niemandem gefallen, mir auch nicht: die, die fragen. Wir alle, die seit so vielen Jahren fragen, wo das große Ding bleibt, während wir es sind. Die GDBA hat 154 Jahre gebraucht bis zum ersten Streik für eine Mindestgage, die über dem Niveau von Küchenhilfen liegt. Wir haben keine 154 Jahre mehr. Noch nicht mal 154 Tage. Lasst uns anfangen.