“Bei YouTube finden die Fans mittlerweile alles, was wir auch gern veröffentlichen würden“, klagt Alexander Seidl, der Geschäftsführer des Hamburger DVD-Labels Aviator Entertainment, das sich mit hochwertigen Archivveröffentlichungen unter anderem von Krautrockkünstlern, von James Last, Howard Carpendale oder Sammy Davis Jr. einen Namen erworben hat. Der enorme Erfolg von YouTube und vergleichbaren Angeboten habe dazu geführt, dass sich dort nicht nur aktuelle Clips von Megastars finden, sondern auch private Sammler ihre VHS-Mitschnitte im großen Stil online gestellt haben. MusikWoche führte eine Stichprobe bei You- Tube mit der Band Fleetwood Mac durch und stellte fest: Auf YouTube sind die bekannten Videos der Gruppe aus den 80er-Jahren genauso abrufbar wie rare Live-Mitschnitte aus den späten Sechzigern, als sich die damaligen Mitglieder Peter Green und Danny Kirwan inspirierte Gitarrenduelle lieferten. Und allein aus den deutschen Sendungen „Beat Club“ und „Musikladen“ können YouTube-Nutzer mehr als 200 Clips im Netz betrachten – Material, das deutsche Verwerter bereits als DVD veröffentlicht haben oder das sie noch veröffentlichen wollen. „Wir als Vermarkter und auch die Rechteinhaber kommen bei dem Versuch, uns gegen Angebote wie YouTube zu wehren, nur sehr langsam voran“, räumt Alexander Seidl ein. Zudem torpedierten die Bilder aus dem Internet den Überraschungseffekt, den Firmen wie Aviator sonst mit unveröffentlichtem Material erzielen würden. „Andererseits wissen wir von unserer Zielgruppe, dass sie bereit ist, auf die offizielle Veröffentlichung zu warten, weil dann das Material um Welten besser ist.“ Das digitale Zeitalter bietet jedoch gerade auch für Produktionsfirmen neue Ansätze, wie Ingo Vandré, Leiter des DVD-Departments bei SPV, erläutert. „Es lohnt sich wieder, mehr zu produzieren, denn das Internet und Video-On-Demand haben neue Verwertungsmöglichkeiten geschaffen.“ Auf diese Weise könnten die neuen Medien dem DVD-Markt helfen, ein elementares Problem zu lösen, mit dem die Branche seit Jahren konfrontiert ist. „Die Kosten für eine CD-Produktion auf der einen und eine DVD-Produktion auf der anderen Seite stehen in keiner Relation zueinander“, sagt Vandré. „Denn ein Live-Mitschnitt, die dokumentarische Begleitung einer Band auf Tour, der Surround-Mix und auch die neuen Formate verursachen immens hohe Kosten. Und da jede Plattenfirma weiß, welche Verkaufserwartungen hinter einem bestimmten Produkt stehen, haben die Budgets leider nur eine gewisse Höhe.“ Wenn nicht mehr drin ist, könne man auch nicht mehr produzieren, da seien den Produzenten die Hände gebunden“, sagt Vandré. „Bei der Musik-DVD handelt es sich um ein Format, das in der Regel nicht so viel verkauft wie ein CD-Album, das aber wesentlich mehr Produktionskosten verschlingt – es ist ein veritabler Teufelskreis.“ Ganz schwarzsehen will Vandré allerdings nicht. „Die hochauflösenden Formate werden im nächsten Jahr noch einmal einen Schub auslösen. Deswegen lohnt es sich jetzt, für Produktionen wieder etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen, weil die Zahl der Auswertungskanäle gestiegen ist.“ Die grundsätzliche Problematik der hohen Kosten bei geringen Verkaufserwartungen beurteilt Seidl ähnlich: „Der Stellenwert von Musik-DVDs im Markt ist recht problematisch. Man hört Gerüchte, dass der Handel Flächen reduzieren möchte, weil sich viele Produkte nicht so verkaufen, wie er es sich wünscht. Hinzu kommt, dass die Initialkosten bei einer Musik-DVD, also Rechteklärung und Lizenzbeteiligung, sehr oft höher sind als bei DVDs mit Filmen oder Fernsehserien.
Dossier: Musik-DVDs
Seit zwei Jahren stagnieren die Umsätze von Musik-DVDs, wenn auch auf hohem Niveau. Das hat dazu geführt, dass es immer weniger aufwendig in Deutschland produzierte Veröffentlichungen gibt. Dafür wird die Auswertung des Archivmaterials immer wichtiger und weist einen Weg in die Zukunft. Leider bedrohen langwierige Rechteklärungen und Internetangebote wie YouTube das aufblühende Segment.





