Ab 18:30 Uhr waren in dem Berliner Bundestagsgebäude insgesamt fünf Themen angedacht: „True Crime Ticketing“, „Regulierung Now: Ticketzweitmarkt“, „À La française – Ticketabgabe Deutschland“, „TTT – Der Tankstellen-Ticket-Trick“ und „Faszination Sozialticket“. Durch den Abend führten Manfred Tari und die Journalistin Isabel Roudsarabi („Höme“). Aus der Live-Branche eingeladen waren Nicole Jacobsen (MCT Agentur), der Konzertagent und Buchautor Berthold Seliger, Kiki Ressler (KKT), Felix Grädler (Halle02, Bundesstiftung Livekultur), Sarah-Sophia Kucher (Uebel und Gefährlich), Henrietta Bauer (Bretford Booking & Label) und Jens Ponke (Klubkomm). Nicht vertreten waren indes Ticketingunternehmen selber.
Aus Istanbul, wo er das Finale der Europa League besuchte, zugeschaltet war Johannes Fechner (Mitglied im Bundestagsausschuss für Recht und Verbraucherschutz), vor Ort war der andere Gastgeber des Abends Martin Rabanus (Obmann für die SPD im Ausschuss für Kultur und Medien). Zudem saßen in der Runde unter dem Motto „Ticketing goes Bundestag“ die Bundestagsabgeordneten Holger Mann (SPD) anderer Parteien Sebastian Steineke (CDU), Awet Tesfaiesus (Bündnis 90/Die Grünen) und David Schliesing (Die Linke), der einstige Bundestagsabgeordnete Erhard Grundl, Hannes Heide (MoEP, S&D Group) sowie Christopher Annen (AnnenMayKantereit, Pro Musik), die Musikerin Cosey Müller, die Journalistin Johanna Bernklau, Tatjana Halm (Verbraucherzentrale Bayern). Per Videoschaltung nahm auch die Anwältin Sylle Schreyer-Bestmann (CMS Hasche Sigle) teil.
In zweiter Reihe hinter den jeweiligen Gesprächsführenden saß viel Berliner Politik aus den betroffenen Ministerien und Referaten. Auch Unternehmen wie CTS Eventim hatten Beobachter nach Berlin entsandt. Bis zum Morgen des nächsten Tages war der knapp zweistündige Live-Stream auf YouTube gut 250-mal aufgerufen worden.
„Was mich am meisten schockiert, sind die Dramen, die sich vor Ort bei Konzerten abspielen, wenn wir leider Leuten sagen müssen, dass sie keinen Zugang zu der Show bekommen, weil sie ungültige, gefälschte oder jedenfalls überteuerte Tickets bei Viagogo und Co. gekauft haben“, sagte Nicole Jacobsen. Für die MCT-Managerin sei das einzig wirksame Tool, um den Schwarzmarkt zumindest einzudämmen, das personalisierte Ticket, mit dem ihr Unternehmen arbeitet. „Die Marge, die on top von nicht autorisierten Ticketplattformen gemacht wird, landet in den Taschen von gierigen Verbrechern. Ich frage mich, warum das immer noch legal ist, warum das immer noch toleriert wird.“
In ihrem Redebeitrag gab Sylle Schreyer-Bestmann (CMS Hasche Sigle) einen profunden Einblick in die aktuelle Rechtslage. Sie kritisierte den mangelnden gesetzlichen Rahmen in Deutschland gegen den nicht autorisierten Ticketweiterverkauf und beschrieb die Ohnmacht der Veranstalter gegenüber Plattformen wie Viagogo.
„Dass nun eine Gesetzesinitiative zur Regulierung des Schwarzmarkts angekündigt wurde, lag auch daran dass der BDKV und die Verbraucherzentralen so viel Druck gemacht haben“, betonte Christopher Annen in seinem Redebeitrag. „Auch bei den Artists ist der Leidensdruck bei dem Thema Zweitmarkt vorhanden“, so Annen weiter, der den Ball nun bei der Politik sieht, mit Gesetzen den unautorisierten Zweitmarkt zu regulieren.
Sarah-Sophia Kucher betonte, dass auch die Ticketpreise für den Erstmarkt zu hoch seien. Auch im Club-Bereich seien Ticketpreise wie auch allgemein die Lebenshaltungskosten in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. „Für Leute mit normalen Einkommen ist es kaum noch möglich, die hohen Ticketpreise für Arenashows zu bezahlen. Und auch bei Clubshows sind Ticketpreise von 40 bis 50 Euro völlig an der Tagesordnung.“ Man sehe, was passiere, wenn in den USA Unternehmen wie Live Nation und Ticketmaster über so viele Jahre ungehindert den Markt dominieren können, so Kucher weiter. „Ticketingplattformen sind längst nicht mehr nur Ticketingplattformen. Wie kann es sein, dass ein Unternehmen wie CTS Eventim so große Beteiligungen an FKP Scorpio oder Semmel Concerts hält und auch beim Betreiben von Arenen und in weiteren Geschäftsfeldern aktiv ist?“, kritisiert sie.
Jens Plonke stellte den Club-Euro vor, an dem sich 30 Kölner Spielstätten beteiligen. Mit der „solidarischen und transparenten Abgabe“ sollen vor allem Newcomer-Talente gefördert werden. Felix Grädler warb derweil für die Livestiftung Bundeskultur, mit der man zeigen wolle, dass die Musik- und vor allem die Livebranche auch solidarisch sein könne, weil es in der Branche Geld für die Clubförderung gebe. „Wir brauchen eine Umverteilung, da wir gesehen haben, dass die dafür nötigen Gelder nicht von den Kommunen, vom Land oder vom Bund kommen.“
Auf Seiten der Politik führte Martin Rabanus aus: „Ich bin großer Freund von regelbasierten Marktordnungen, ohne deswegen gleichen Sozialismus ausrufen zu wollen. Und es ist ja auch nicht so, dass es keine Vorbilder gäbe, wo es auch im Kulturbereich Abgaben gibt, die dann übrigens über gesetzlich kodifizierte, aber Governance-Systeme von der Branche selber ausgekehrt werden. Wir haben in der Koalition lange darüber gestritten, ob wir das Thema Investitionsverpflichtung beim Film gesetzlich oder wie es unser geschätzter Koalitionspartner wollte, nur auf freiwilliger Basis regeln sollen. Das ist mir aber zu wenig, wenn wir nicht die gesetzliche Rückfallposition haben. Warum sollte sich etwa CTS Eventim, von einem Teil ihres operativen Gewinns freiwillig verabschieden? Das ist auch nachvollziehbar. Deswegen bedarf es eines gewissen Schubses oder einer gesetzlichen Grundlage, was so ein Unternehmen dann abzuführen hätte. Die zweite Frage wäre dann, ob man das ticket-, umsatz- oder gewinnbasiert macht. Am Ende des Tages ist klar: Wir brauchen andere Daumenschrauben, damit die Dinge fliegen.“
Hannes Heide erläuterte, dass beim Dynamic Pricing im Livegeschäft Künstler und Veranstalter anders als etwa Hotelketten oder Fluglinien gar nichts hätten, weil die Erlöse aus überteuerten Tickets aus dem unautorisierten Zweitmarkt an Dritte gingen. Er stellte die EU-Initiative „Fair Prices – No Shocking Surprises“ vor und forderte in em Zusammenhang ein Verbot oder eine strikte Regulierung von Dynamic Pricing bei Tickets, da Kultur für alle offen sein müsse.
Auch Sebastian Steineke unterstreicht in Hinblick auf Ticketpreise und Dynamic Pricing: „Das Problem ist valide, aber wir sind uns noch nicht ganz einig, ob wir es auf deutscher Ebene alleine regeln können. Und ich bin ja hier als Rechtspolitiker, weil ich Verbraucherschutzbeauftragter bin. Aus meiner Sicht müsste man, wenn möglich, auch gesetzgeberisch tätig werden.“
Klare Worte fand auch David Schliesing: „Ich freue mich sehr, dass in gewisser Weise der Sozialismus hier ausbricht, weil wir alle der Meinung sind, dass Dynamic Pricing einfach verboten gehört. Die auf EU-Ebene angegangene Initiative in dieser Richtung Und ich glaube, dass auf EU-Ebene, dass da jetzt die Initiative angegangen wird, ist absolut richtig, weil Tickets immer ein Versprechen für Teilhabe und nicht Spekulationsobjekte sind. Da müssen wir uns alle einig sein und dagegen vorgehen.“ Er fordert auch einen „klaren Zweitmarkdeckel, der auch wirklich unumstößlich ist. Denn es passiert einfach wirklich Wucher auf Kosten vieler Menschen, die es sich nicht mehr leisten können, Konzerte zu besuchen.“ Wenn Ticketpreise auf 400 Euro oder mehr steigen, dann sei das „eine Dynamik, die tatsächlich einfach verboten gehört. Punkt aus.“
Kiki Ressler warf ein, dass man genau unterscheiden müsse zwischen dem unautorisierten Zweitmarkt und Dynamic Pricing, was von den Ticketplattformen, die mit den Veranstaltern zusammenarbeiten, irgendwann eingeführt worden ist. „Und damit verdienen ja Ticketplattformen, Veranstalter, Management und auch Künstler alle gemeinsam damit. Dennoch hat mich dann dieses Dynamic Pricing, wenn Ticketpreise wie bei Bruce Springsteen auf 5000 Dollar steigen, aufgeregt – auch weil auf einmal unsere eigene Branche dieses System entwickelt hat mit dem Argument, das sei doch nichts anderes als die Algorithmen bei Flugtickets oder Hotelzimmern. Aber ich finde, es gibt einen grundlegenden Unterschied: Wir verkaufen Kultur, wir verkaufen Kunst – und dazu sollen auch Leute, die wenig Geld haben, einen Zugang haben und nicht nur irgendwelche Rich Kids wie beim Cochella Festival.“ Er warb stattdessen für Sozialtickets in Höhe von 19,90 Euro, wie das KKT etwa bei den Tempelhofkonzerten der Ärzte gemeinsam mit der Band umgesetzt habe.
Die nächste Tagung des Parliament of Pop steht bereits fest. „Ich freue mich, dass die nächste Ausgabe auf dem Sziget-Festival in Ungarn stattfinden wird“, kündigt Manfred Tari an.








