Für Jean Paul Mendelsohn, Head of Most Wanted: Music Club Festival, ist der Ortswechsel mehr als nur eine organisatorische Frage. „Es ist für uns ein Neustart in einem anderen Setup“, sagt er im Gespräch mit MusikWoche. Die Kulturbrauerei sei ein starker Ort für das Festival gewesen. Auf dem RAW-Gelände könne man nun aber neu definieren, wie sich das Format anfühle: „offener, beweglicher und stärker mit einzelnen Venues, Partnern, Communities und Formaten verzahnt“. Das RAW-Gelände stehe für ihn für „diese rohe, offene, urbane Qualität, die Berlin als Musikstadt ausmacht“.
Kurz vor Ende der Bewerbungsphase hatte die Berlin Music Commission über den Open Call des MW:M Club Festivals mehr als 600 Einreichungen aus 76 Ländern gezählt. Dazu kamen 361 weitere Bewerbungen von Berliner Künstler:innen über Listen To Berlin. Im Interview nennt Mendelsohn nach Ende der Einreichungsfrist eine höhere Zahl: Über 1000 Bewerbungen aus mehr als 80 Ländern, etwa doppelt so viele wie im Vorjahr. „Das zeigt einerseits, wie groß das Interesse am MW:M Club Festival ist. Vor allem aber zeigt es, wie sehr Räume fehlen. Räume für Sichtbarkeit, für gute Live-Momente, für Begegnung“, so Mendelsohn.
Bei der Auswahl der Acts setzt das Festival auf eine Mischung aus Open Call und gezielter Kuration. „Der Open Call ist wichtig, weil er das Programm öffnet und Artists sichtbar macht, die wir sonst vielleicht nicht entdeckt hätten“, erklärt Mendelsohn. Parallel dazu würden gezielt Formate gesetzt, die eine bestimmte Idee des Festivals vermitteln. Dazu zählt der 15. Geburtstag von The Swag, der laut Mitteilung der Berlin Music Commission zum Abschluss des zweitägigen Festivals gefeiert wird. Das Kollektiv ist für die Sessions im Badehaus verantwortlich, bei denen bereits Erykah Badu, Bilal, Jeru The Damaja und Marteria zu den Gästen zählten. „The Swag steht für eine gewachsene Berliner Musik-Community, und sie feiern ihr Jubiläum genau dort, wo das Festival in diesem Jahr stattfindet“, sagt Mendelsohn. Für ihr Engagement wurde The Swag 2022 mit dem Listen To Berlin Award in der Kategorie „Förderung und Entwicklung der Berliner Musikszene“ ausgezeichnet.
Die Eröffnung übernehmen Faravaz & Butterfly Collective. Das Butterfly Collective ist ein FLINTA*-Chor, der erstmals gemeinsam mit Faravaz auf der Bühne steht – vermittelt durch die Listen To Berlin Compilation 2024/25. „Das ist kein klassisches Band-Setup, sondern ein kollektiver Live-Moment. Damit hat diese Eröffnung auch eine klare politische Dimension: Es geht um Sichtbarkeit, Solidarität und Diversität“, so Mendelsohn. Einen klassischen Headliner gibt es beim MW:M Club Festival nicht. „Wir verzichten auch bewusst auf einen klassischen Headliner. Das MW:M Club Festival soll nicht nur auf einen großen Namen zulaufen, sondern Entdeckung, Community und besondere Live-Momente gleichwertig nebeneinanderstellen“, sagt Mendelsohn.
Seine eigene Arbeit als Manager von Künstler:innen wie Inéz und Ätna prägt nach eigener Aussage auch sein Booking für das Festival. „Beide Projekte stehen für eine Haltung, die ich im Festival suche: Sie sind eigenständig, live stark, genreoffen und nicht sofort erklärbar. Ich interessiere mich für Künstler:innen, die nicht nur funktionieren wollen, sondern etwas riskieren“, sagt Mendelsohn. Aus der Perspektive der Künstler:innen wisse er, wie wichtig ein guter Slot und ein ernst gemeinter Rahmen seien. Gerade bei Acts, die noch nicht überall bekannt sind, macht es einen Unterschied, ob sie irgendwo mitlaufen oder ob man ihnen wirklich eine Bühne gibt.
Laut Mendelsohn zeigt sich das internationale Profil der Stadt nicht nur bei Gästen von außerhalb, sondern vor allem bei den Berliner Acts selbst. Diese werden über Listen To Berlin entdeckt, die zentrale Plattform der Berlin Music Commission für neue Musik aus Berlin. Mendelsohn saß in diesem Jahr in der Jury für die aktuelle „Listen To Berlin“-Compilation, die im September erscheint. „Der überwiegende Teil der Acts hat einen internationalen Bezug. Internationalität ist Teil der lokalen Szene“, sagt er. Für das erste Line-up nennt die Berlin Music Commission neben Faravaz & Butterfly Collective und The Swag auch Min t und Post Clients aus Berlin sowie Green Tea Bitches aus Kopenhagen.
Dass das Club Festival und die Branchenkonferenz MW:M Convention räumlich getrennt stattfinden, ist laut Mendelsohn eine bewusste Entscheidung. „Die Konferenz braucht Konzentration, Diskurs und Austausch. Das Club Festival braucht Bewegung, Energie und Nähe zur Stadt. Durch die räumliche Trennung können beide Formate für sich stehen“, sagt er. Eine Verbindung bleibt über die Artist Academy bestehen, die Teil der Konferenz ist. Genau darum geht es auch beim Festivalmotto „Rewire!“: neue Verbindungen zu schaffen – zwischen Bühne und Diskurs, Stadt und Branche, Künstler:innen und Publikum. „Das Festival ist keine reine Abendverlängerung der Konferenz, sondern ein eigenes öffentliches Format. Es richtet sich an die Branche, aber genauso an neugierige Berliner:innen und Künstler:innen“, so Mendelsohn. Das MW:M Club Festival versteht sich als Showcase, aber ebenso als Discovery-Festival, bei dem nicht nur Delegierte, sondern auch die Stadt selbst die Künstler:innen entdecken sollen.
Das Programm wird durch das Listen To Berlin: Youth Showcase im House of Music ergänzt. Dort treten 13 junge Bands im Alter von 14 bis 21 Jahren auf zwei Bühnen auf. Most Wanted: Music wird im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchgeführt und das Club Festival wird zudem über das EU-Programm INP III der Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.







