Zusammenstellung wichtiger News über Christoph Schmidt:
12.02.2001: Schmidt tritt Stein-Nachfolge an
24.11.00: Christoph Schmidt stellt die BMG-Kampagne „Ja ich will Musik“ vor
08.09.2000: BMG Jahrestagung 2000
Das Interview:
musikwoche.de: Welche neuen Akzente wollen Sie nun setzen, nachdem sich durch die Umstrukturierung die Rolle von BMG Entertainment GSA ein wenig verändert hat?
Christoph Schmidt: Wir hatten ja über die letzten zehn Jahre eine erfolgreiche Entwicklung. Zudem muss man nicht an allen Ecken Veränderungen einführen, wenn sich eine Strategie über Jahre hinaus bewährt hat. Allerdings gibt es Aspekte, die sich verändert haben: Das ist im Wesentlichen die Situation des Marktes mit all den technologischen Entwicklungen der letzten Jahre. Ich glaube zwar nicht, dass das Internet unser Business total verändert, aber die neuen Möglichkeiten der Konsumenten nehmen uns Budget weg. Das ist nicht nur das weitgehend kostenlose Downloaden und Tauschen von Musik übers Netz, sondern auch die Konkurrenz durch DVD, Video, Computerspiele, etc. Wenn unsere Branche vor einem Jahr mit Singles wie Lou Begas „Mambo No. 5“ eine Million Einheiten verkauft hat, dann sind es in diesem Jahr nur noch etwa 600.000 bis 700.000 Stück – mit Ausnahme vielleicht der No Angels. Der Markt ist auch deswegen so schwach, weil es in letzter Zeit nicht gelang, „long-term Artists“ aufzubauen. Die großen Verkaufs-Helden von einst gibt es heute nicht mehr. Angesichts dieser Entwicklung bedarf es natürlich einiger Veränderungen.
mw: Und wie müssen diese Veränderungen aussehen?
Schmidt: In den Wachstumsjahren war es möglich, kulturelle Experimente zu wagen. Diese Aufbauarbeit muss auch bleiben. Nur müssen unsere Break-Even-Punkte runter, das heißt: Abspecken und Kosten senken. Das sollte aber nicht beim Repertoire passieren.
mw: Aber dafür beim Personal?
Schmidt: Es gibt sicher auch andere Bereiche, in denen man den Rotstift ansetzen kann, Personalabbau ist nicht unsere erste Priorität.
mw: Was sind die wichtigsten drei Punkte auf ihrer To-Do-Liste für die nächsten Wochen?
Schmidt: Zuerst einmal die Bestandsaufnahme. Punkt zwei: Motivation der Mitarbeiter. Da gilt es, unsere Belegschaft auf eine neue Geschäftsführung einzuschwören. Ich habe das bei der Betriebsversammlung so dargestellt: Zusammen mit Thomas Stein waren wir bisher das Ehepaar, das seine Kinder erzogen hat. Jetzt bin ich die allein erziehende Mutter. Deswegen ist die Motivation ein sehr wichtiger Punkt. Und drittens: Fokussierung auf das, was meines Erachtens in Deutschland derzeit fehlt. Die Etablierung von „long-term Artists“. Da sind uns die USA und Großbritannien voraus. Wir haben uns zu sehr auf Marketingprojekte und den starken Compilations-Markt konzentriert.
mw: A&R im Hause BMG wurde immer mit dem Namen Thomas Stein assoziiert. Wie wollen Sie diese neue Schwerpunktsetzung verwirklichen?
Schmidt: Da kann ich wieder den Ehepaar-Vergleich heran ziehen. In unserer gemeinsamen Ehezeit sind die Kinder natürlich auch größer und erwachsen geworden. Darum glaube ich, dass so ein Wechsel ganz gut tut.
mw: Ist der Führungswechsel in Hamburg auch in diesem Zusammenhang zu sehen?
Schmidt: Das hatte nichts mit meiner Übernahme zu tun. Eckhart Gundel war über 20 Jahre im Konzern und ist in seinem Herzen aber eher ein Kreativer. Und in dieser Zeit, in der es noch schwerer wird, ständig Umsatz- und Ergebnisanforderungen zu erfüllen, hat er sich dafür entschieden, in der ihm verbleibenden Berufszeit noch enger mit den Künstlern zu arbeiten.
mw: Mit der Gründung der Musikfirma Ariola sind nun zwei BMG-Satelliten in Berlin ansässig. Wie grenzen sich die Musikfirma und BMG Berlin ab?
„Es ist erfolgreicher, lokal vor Ort zu sein“
Schmidt: André Selleneits Firma ist keine, die sich um den deutschen Schlager kümmern wird. Das ist Aufgabe der Musikfirma Ariola und Christian Wolff. Berlin ist groß genug für zwei unserer Firmen. Die Trennung ist eine inhaltliche. Aber zunächst geht es für Christian Wolff darum, in Hamburg als neuer Geschäftsführer der dortigen Firma Fuß zu fassen und das Unternehmen im Repertoire-Bereich nach vorne zu bringen.
mw: Nach welchen Kriterien ist denn das Verhältnis der Repertoire-Gesellschaften an den einzelnen Standorten geordnet?
Schmidt: Es war immer unser Ziel, nicht nur an einem Ort vertreten zu sein, weil es in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich oder Großbritannien an verschiedenen Orten eine musikalische Szene gibt. Bei Universal ist das anders: Da findet man an einem Standort die unterschiedlichen Repertoire-Gruppen – durch Etagen getrennt. Das mag im Einzelfall sogar kostengünstiger sein. Wir glauben, dass es erfolgreicher ist, lokal vor Ort zu sein. Das zeigt sich auch an unserem Marktanteil bei lokalem Produkt, der über Jahre hinaus zwischen 25 und 30 Prozent lag. Es gibt deshalb auch keine dogmatische Aufteilung der Repertoires. Aber klar ist, dass sich an allen Standorten gewisse Kompetenzen herausbilden. So ist in Köln im Verbund mit Gun Rock und Comedy stark vertreten, in Berlin ist dagegen MoR/Pop Schwerpunkt. München ist von jeher – und zwar im positiven Sinne – ein Gemischtwarenladen. Hier gibt es auch hervorragende Ansätze im Rock-Bereich mit Die Happy oder Sub7even. Sehr erfolgreich ist hier auch die Schlager- und Volksmusikszene aufgehoben. Es gibt also schon einzelne Schwerpunkte. Aber wir werden es auch weiterhin vermeiden, Künstler, Partner, Musikverleger oder Rechtsanwälte mit ihren Produkten in Deutschland umherzuschicken. Kompetenz entscheidet über das Repertoire vor Ort, Ausnahmen sind aber durchaus an der Tagesordnung.
mw: Muss sich angesichts der veränderten Marktbedingungen das Verhältnis von BMG zu den Handelspartnern verändern?
Schmidt: Wir haben immer hervorragende Kontakte zum Handel gehabt. Ich habe aber auch nie einen Hehl draus gemacht, dass ich Verbesserungsmöglichkeiten im Handel sehe. Für einen allein stehenden CD-Händler wird es dann schwer zu überleben, wenn er entweder seine Warenwirtschaft und seine Technik nicht in Ordnung hat oder wenn er sich nicht durch Nischen-Repertoire von den Großen im Lande unterscheidet. Da fehlt es ein wenig an Kreativität. Aber möglicherweise gibt es durch den jüngst gegründeten Verband HAMM wieder Impulse für die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel. Es gab bereits erste Gespräche. BMG und alle anderen auch sind natürlich daran interessiert, einen schlagkräftigen Handel zu haben.
mw: Ungeachtet dessen gibt es aber Bestrebungen von Seiten der Industrie, ihre Produkte künftig stärker über nicht traditionelle Verkaufsstellen an die Kunden zu bringen. Wie ist denn da inzwischen der Stand der Planung?
Schmidt: Diese Diskussion ist ja inzwischen bekannt. Ich darf da nur an die Sleeper-Studie erinnern. Und das gilt immer noch: Wenn es uns nicht gelingt, gemeinsam mit dem Handel diese Sleeper zu wecken, dann müssen wir sie eben anderswo wecken. Wenn die Menschen zum Beispiel im Mai ihre Bäume für den Garten im Baumarkt oder am Sonntag ihre Brötchen beim Bäcker kaufen, dann kommen wir nicht umhin, mit unserer Ware dorthin zu gehen, wo die Kunden sind. Und zwar im Sinne aller Musikschaffenden.
mw: Ihr Mutterkonzern Bertelsmann hat bereits angedeutet, dass in diesem Geschäftsjahr die Vorgaben bei der Umsatzrendite nicht einzuhalten sind. Wie sieht es bei BMG aus?
Schmidt: Wir hatten zum 30. Juni 2000 ein sehr erfolgreiches Jahr mit einem Marktanteil von knapp unter 20 Prozent. Das ließ sich auf eine Summe von Produkt-Highlights wie Santana, Whitney Houston oder Lou Bega zurückführen. Nach so einem Produkt-Hoch werden wir zum 30. Juni 2001 verständlicherweise weniger gut abschneiden. Aber da geht es uns nicht anders als den Mitbewerbern in den Jahren davor. Der Markt ist nunmal sinkend. Da kann sich jeder ausrechnen, dass dies auch einen negativen Einfluss auf die Renditen haben wird. Trotzdem werden wir das Ende des Geschäftsjahres ordentlich abschließen, weil wir in den letzten Wochen mit Peter Maffay, Outkast, Dido und DJ Tomekk gute Produktsignale hatten. Es folgt dann ein Rumpfgeschäftsjahr, weil Bertelsmann auf Kalenderturnus umstellt. Danach werden wir sicher wieder an alte Erfolge anknüpfen können.
mw: Wenn sich die BMG-Rendite bis Ende Juni als wenig erfreulich erweist, und in Anbetracht Ihrer Fokussierungsvorgaben: Werden Sie dann erwägen, aus Kostengründen Personal abzubauen?
Schmidt: Wir können eine vernünftige Rendite nur dann erwirtschaften, wenn vier Faktoren stimmen: Lokale Erfolge, internationale Erfolge, ein Superstar, der im Ausland verkauft, und der Markt muss gut sein. Im letzten Jahr wurden drei der Faktoren erreicht, bis auf den Markt. In diesem Jahr wird womöglich nur der Faktor lokaler Bereich zu Buche schlagen. Wir haben also nur zwei Möglichkeiten: Wir können hoffen, dass alles nur eine Schlechtwetterphase ist, die wieder vorbei gehen wird. Oder wir verlassen uns nicht auf diese Hoffnung, dass alles wieder so wird wie in den alten Zeiten. Wir werden auch weiterhin mit schwierigen Märkten zu kämpfen haben. Ob es uns immer gelingen wird, einen Lou Bega für den internationalen Markt zu produzieren, ist auch die Frage. Also müssen wir einfach den Break-Even-Punkt der Gesellschaft herunter bringen. Das heißt automatisch, dass wir uns in etwas schlechteren Zeiten von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten trennen müssen. Und ich bin froh, dass wir dafür keine Einschnitte bei der Produktgenerierung machen müssen, denn die ist lebenswichtig. Wir werden aber in den nächsten Jahren sicher tendenziell weniger Mitarbeiter-Aufbau betreiben.
mw: Wie wird denn nach der seit Herbst 2000 vollzogenen Neuordnung im Bertelsmann-Konzern der Bereich Online bei BMG vertreten sein? Das ursprüngliche Konzept der geplanten Abteilung Tralala lässt sich ja so nicht verwirklichen.
Schmidt: Wie immer, wenn ein neues Medium entsteht, versucht man, die Kompetenzen in diesem neuen Feld zu bündeln, um kostspielige Einzelgänge in den Abteilungen zu verhindern. Sobald sich aber dieses neue Medium mit der Zeit normalisiert, kann man es wieder in die einzelnen Unternehmensbereiche einordnen. Wir untersuchen zurzeit auch auf europäischer Ebene, wie wir unsere Online-Projekte organisieren können. Ob das dann unter dem gemeinsamen Dach einer Abteilung BMG Online geschieht, stelle ich noch in Frage. Man kann zum Beispiel bmg-promotionservices.de genauso gut bei der Promotionabteilung ansiedeln. Es war ohnehin nie geplant, das E-Commerce-Geschäft mit Musik alleine zu machen.
mw: Das könnten Sie demnächst eventuell über Napster versuchen.
Schmidt: Ich halte den Schritt von Bertelsmann in Bezug auf Napster für absolut richtig. Ich glaube nicht, dass wir an den Wünschen von 60 Millionen Musikfans vorbei kommen. Wir sehen aber auch, dass es nicht einfach sein wird, daraus ein von allen akzeptiertes und bezahltes Modell zu machen. Wenn dies gelingt – wovon ich ausgehe und was ich mir auch wünsche – heißt das jedoch nicht, dass Napster der einzige Vetriebsweg für Online-Musik ist, wenn auch ein sehr großer. Sie wissen, dass wir als Industrie in Deutschland mit Music-Line auch eine Schnittstelle für Downloads schaffen wollen. Konsumenten können dann über Music-Line herausfinden, welche Titel sie wollen, und überprüfen, ob diese Online verfügbar sind. Danach werden sie zu den entsprechenden Anbietern im Netz durchgeroutet. Auf diese Weise wird dann auch wieder der Handel eingebunden. Das heißt: Napster kann ein sehr großer Vertriebsweg werden, aber sicher nicht der einzige.
mw: Wird ein legales Napster den Markt für physisches Produkt nicht noch stärker verändern?
Schmidt: Ganz klar: Wir werden völlig neue Angebotsformen bekommen. Ob es in zehn Jahren die CD als Longplay-Format noch geben wird, wissen wir nicht.
mw: In den USA war ein Einbruch von rund 40 Prozent beim ohnehin schwachen Singles-Markt festzustellen. Trifft der Napster-Effekt den deutschen Markt auch bald?
Schmidt: Wenn man dabei sieht, dass der US-Markt insgesamt gleichzeitig Zuwachsraten hat, dann stellt sich die Frage: Wer hat es denn eigentlich cleverer gemacht? Wir, die wir in Deutschland von einer Lou-Bega-Single deutlich über eine Million Stück verkauft haben und mit dem Album gerade mal Platin erreichten? Oder die US-Kollegen, die die Single gar nicht veröffentlichten und dafür vom Album über drei Millionen Einheiten absetzten?
mw: Wieviel Einfluss können Sie auf solche Entwicklungen nehmen?
Schmidt: Das hängt davon ab, ob wir in der Lage sind, das Künst-ler-Bewusstsein wieder stärker hervorzubringen und mehr Longplays zu verkaufen. Das hängt aber auch von den Vermarktungsformen ab. Eine Dance-LP mit einem Dance-Hit ist nicht das gleiche wie ein Album von Peter Maffay oder Dido. Wir vermarkten verschiedene Produktkategorien derzeit noch sehr gleichförmig. Wir müssen darüber nachdenken, ob ein Künstleralbum nicht doch teurer sein sollte als ein Dance-Album. Was aber nichts mit der Wertigkeit der Musik zu tun hat, sondern den Unterschied zwischen langfristigem Aufbau und temporärem Projekt dokumentiert.
BMG Entertainment GSA im Internet: www.bmgentertainment.de








