Christian Bruhn über die GEMA und den deutschen Schlager

Die Branche schätzt seinen Wortwitz, seine Schlagfertigkeit und sein herzliches Wesen. Für viele ist er als „Mr. GEMA“ das Sprachrohr der Urheber. MUSIKwoche besuchte den Grandseigneur der deutschen Unterhaltungsmusik.

MUSIKWoche: Sie waren ursprünglich Jazz-Musiker. Wie kamen Sie eigentlich zum Schlager?

Christian Bruhn: Ich hatte immer mehrere Seelen in meiner Brust. Als ich Jazz machte, bat man mich, in den Pausen mal einen Tango zu spielen – ich habe einen Tango gespielt. Ich schrieb bereits in den 60er Jahren Filmmusik, habe also immer mehrere Sachen gleichzeitig gemacht. Wenn man sich entschlossen hat, Unterhaltungsmusik zu machen, sollte man sich in ihrer ganzen Breite üben.

MW: Die Platten für Katja Ebstein oder Mireille Mathieu hatten ein besonderes Konzept, was Reihenfolge und Auswahl der Titel betraf. Von wem stammte das?

Bruhn: Von mir. Wir haben ja independent produziert und die fertige Platte dann der Plattenfirma angeboten.

MW: Der Komponist Joachim Haider sagte, daß es sich heute nicht mehr rechnet, für den deutschsprachigen Markt zu schreiben. Wieso gehen Sie jetzt dennoch wieder mit Drafi Deutscher ins Studio?

Bruhn: Wenn ich jünger wäre, würde ich vielleicht für Tic Tac Two schreiben. Ich hatte zwar auch mit den englisch gesungenen Stücken von Lady Lily – meiner Frau Erika Bruhn – hohe Umsätze, zum Beispiel in Japan und Deutschland. Aber ich bin mit Jazz und Freddy Quinn aufgewachsen, und das Deutsche ist in mir doch sehr stark verwurzelt. Außerdem bin ich mit Drafi seit langem befreundet.

MW: Heute gibt es viele Eintagsfliegen unter dem Nachwuchs, und die Plattenfirmen investieren nicht mehr so viel in den einzelnen Künstler wie früher. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Profis unter den sogenannten Kultstars, die arbeitslos sind, aber manche Halle zum Kochen bringen könnten, gäbe man ihnen nur eine Chance. Schmerzt Sie das?

Bruhn: Wir haben heute einerseits die Anbetung der Jugend. Natürlich schaue ich mir, wenn ich die Wahl habe, lieber im Fernsehen ein hübsches Mädchen an. Wenn ich aber mit Drafi eine Platte mache, so natürlich auch deshalb, weil er immer noch genug Auftritte hat und genug Platten umsetzt. Energie ist also ausreichend vorhanden.

MW: Würden Sie aus Freundschaft einem Künstler helfen, der out ist?

Bruhn: Natürlich, wenn das Konzept stimmt. Ich habe für Jürgen Marcus einen interessanten Titel komponiert: „Auch an andern Ufern blühen Blumen“. Jürgen, der sich ja einmal geoutet hatte, war auch mutig genug, das einzusingen. Jetzt muß der Titel nur noch veröffentlicht werden.

MW: Sie haben viele große Orchester produziert. Macht das mehr Spaß, als mit elektronischen Instrumenten zu arbeiten?

Bruhn: Nein. Da ich von der Partitur komme, hören Sie bei mir nicht, ob das, was ich umsetze, elektronische oder echte Instrumente sind. Es geht aber schneller, es einspielen zu lassen, als Spur für Spur zu überarbeiten.

MW: In jüngster Zeit ist es etwas still um Sie geworden. Warum?

Bruhn: Ich muß sagen, daß ich nicht mehr so hungrig bin. Aber weil ich beobachtet habe, wie man in Deutschland Balladen importiert, inszenierten wir mit dem DKTV (Deutscher Komponisten- und Textdichterverband) im letzten Jahr einen Balladenwettbewerb. Balladen können wir schließlich genauso gut machen, und es gab auch gute Resultate.

MW: Nur haben die importierten Balladen den Vorteil, daß sie durch Spielfilme wie „Titanic“ bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen, während man für deutsche Produktionen nicht einmal Videos produziert…

Bruhn: Das zu beobachten macht natürlich lustlos. Wenn ich zurückdenke, wieviel Energie ich für die Auswahl von Material und die Suche nach dem adäquaten Künstler eingesetzt habe, um zu den bekannten Ergebnissen zu kommen, und wenn ich dann beobachte, wie das heute läuft – da muß man einfach lustlos werden. Schauen Sie sich nur die Grand-Prix-Vorentscheidung an. Wir stehen heute in einem Kulturtal. So erklärt sich auch das Revival der älteren Songs, denn die sind eben sehr melodienselig.

MW: Wie finden Sie das Konzept der Grand-Prix-Vorentscheidung?

Bruhn: Das Konzept, daß die Industrie die Beiträge stellt, ist nicht neu, das gab es schon 1968. Dadurch werden die Beiträge aber nicht besser. Natürlich – und der Erfolg gibt Dr. Jürgen Meier-Beer, dem verantwortlichen Redakteur, recht – werden die Bühnenbilder besser. Aber wenn der Sieger nicht mehr unter die ersten 100 Titel der Charts kommt, ist alles bedeutungslos, der „Sieger“ bleibt erfolglos, und man kann den Grand Prix nicht mehr ernst nehmen. Ich würde daher auch jedem raten, sich nicht mit mehr als einem Titel zu beteiligen.

MW: Ihr Schaffen ist vielseitig – Jazz, Schlager, Filmmusik, Literaturvertonungen und Liederzyklen, Bühnenmusik, Musicals. Ist da noch eine Steigerung drin? „Ein Komponist ist so gut wie der letzte Hit“

Bruhn: Ich werde im Oktober 65, da ist man etwas ruhiger.

MW: Klassische Komponisten haben sich aber mit zunehmendem Alter gesteigert…

Bruhn: Sie warten also auf meine Neunte? Diese Komponisten waren aber alle so unglücklich, und das bin ich nun mal nicht.

MW: Gibt es da wirklich einen Zusammenhang?

Bruhn: Muß wohl so sein.

MW: Wenn aber aus dem Unglück großartige Melodien geboren werden – müßten nicht auch aus dem Glück Melodien ganz besonderer Prägung entstehen?

Bruhn: Bevor Sie mir vorwerfen, daß ich faul bin, muß ich von meiner Tätigkeit für die GEMA berichten, die mir ein Drittel meiner Zeit nimmt. Natürlich komme ich dazu, irgendwann ins Studio zu gehen – aber selbst zu produzieren und dann zu schauen, wie man es los wird, das ist ein schwerer Job. Außerdem war ich gewohnt, im Team zu arbeiten. Das ist allmählich zerbröselt.

MW: Hätten Sie denn nicht schon aufgrund Ihres Namens alle Möglichkeiten der Welt?

Bruhn: Der Name hilft heute nicht mehr so viel, ein Komponist ist stets so gut wie sein letzter Hit. Das andere ist Lifetime Achievement. Aber man hört natürlich nie auf, Musik zu machen.

MW: Wie sieht ihre Tätigkeit bei der GEMA aus?

Bruhn: Der Aufsichtsrat kontrolliert die Verwaltung, die die Geschäfte führt und dem Aufsichtsrat Bericht erstattet. Der Aufsichtsrat besteht aus sechs Komponisten, vier Verlegern und fünf Textern. Das sind erfahrene Leute, daher muß das Regelwerk gelernt werden, wenn man argumentieren möchte. Die Erfassung und die Ausschüttung der GEMA sind überaus genau. Der Aufsichtsrat bekommt aber leider nicht die gleichen Tantiemen wie Aufsichtsräte in der Industrie.

MW: Gehört eine große Portion Idealismus zu Ihrer Tätigkeit?

Bruhn: Natürlich. Ich habe aber durch die GEMA soviel verdient, daß ich mich moralisch verpflichtet fühle, und ich will das aus Dankbarkeit gern zurückzahlen. Wäre ich nicht Musiker geworden, ich wäre Rechtsanwalt. Ich kämpfe sehr gern für Gerechtigkeit.

MW: Wie sieht Ihre Tätigkeit im einzelnen aus?

Bruhn: Ich treffe mich mit dem Vorstand am Wochenende und bespreche die heißen Themen. Zum Beispiel das neue Verfahren PRO, das eingeführt wurde, weil das alte verhältnismäßig ungerecht war. Bedenken Sie: Wenn von 100 Veranstaltungen 15 Prozent mit Programmen belegt sind, also ein Siebtel, und dieses Siebtel als repräsentativ angesehen wird, geben Sie dem Lied, das auf diesem Programm steht, das Siebenfache. Wenn das nun der Alleinunterhalter in Garmisch ist, der drei Monate während der Skisaison spielt, bekommt er das Siebenfache. Das neue Verfahren gleicht das nun durch eine andere Gewichtung aus.

MW: PRO hat zu heftigen Debatten geführt (MUSIKWoche berichtete in Heft 20/99). Was machen Sie noch bei der GEMA?

Bruhn: Es gibt Reisen zum BIEM, dem internationalen Dachverband der Urheberrechtsgesellschaften für mechanische Rechte. Die Aufführungsrechtsgesellschaften sind in der CISAC zusammengefaßt, deren Vizepräsident ich bin. Das bedingt Reisen ins Ausland, je nachdem, welche Gesellschaft einlädt, und das kostet auch viel Zeit – ich hätte wahrscheinlich die Welt auch so gesehen. Je größer ein Gremium ist, desto länger dauern die Diskussionen. Ich habe aber gelernt, gute Gedanken nicht am Anfang zu bringen, sonst werden sie zerredet. Man muß warten und den Zeitpunkt abschätzen können.

MW: An welchen Projekten arbeiten Sie zur Zeit?

Bruhn: Ich schreibe unter anderem an meinen Memoiren. Das heißt, sie sind schon fertig, ich feile aber noch daran. Sie sollen am 17. Oktober zu meinem 65. Geburtstag gedruckt sein. Darin versuche ich, mit viel Humor zurückzuschauen. Ich erzähle viel über meine Tätigkeit als Musiker; Details aus meinem Privatleben lasse ich aus, auch aus Rücksicht auf noch lebende Personen. Das Buch ist nichts für Voyeure.

MW: Was wünschen Sie dem Schlager im Jahr 2000?

Bruhn: Man sollte ihn nicht in Schubladen stecken, sondern so behandeln, wie es die Deutschen Schlager Charts tun, die ihn nach der Brockhaus-Definition begreifen und seine Vielfalt fördern – eine prima Idee. Ich habe immer für das Erbauliche im Schlager gekämpft. Und mir wird immer wieder gesagt, daß meine Musik Mut gemacht und die Stimmung gehoben habe. Ich habe übrigens das Volkslied vom Marschrhythmus befreit, indem ich zum Beispiel bei „Heidi“ den Off-Beat einführte. Krank finde ich, wenn ein Servicesender wie Bayern 3 nur englischsprachige Musik sendet.

MW: Und was wünschen Sie sich persönlich?

Bruhn: Einen richtigen Welthit. Sie sehen also, es ist noch Ehrgeiz vorhanden.